D40
Marcel Breuer

D40
Ein guter Stuhl zum guten Tisch

Unter allen ikonischen Entwürfen Marcel Breuers nimmt der D40 von 1928 eine besondere Stellung ein. Man könnte ihn mit geschlossenen Augen nachfahren. Eine elegante S-Kurve mit einem leicht abgeschrägten Querstrich im oberen Drittel – der Rückenlehne. Erlebbare Dynamik, die in sich ruht. Denn alle Schwünge des Stahlrohrs finden ihr Gegenstück. Bogen-Schwung-Gegenschwung – eine Konstruktion, die alle Gegensätze harmonisch vereint. Die für den Möbelbau revolutionäre Technik des gebogenen Stahlrohrs machte es möglich. Und führte zu ungeahnter Leichtigkeit.

Marcel Breuer schrieb 1924: „Ein Stuhl soll nicht horizontal-vertikal sein, auch nicht expressionistisch, auch nicht konstruktivistisch“, er soll „ein guter Stuhl sein, und dann passt er zu dem guten Tisch.“ Nun wollte man nur zu gerne wissen, was genau ein guter Stuhl denn ist. Denn eines war klar: Auf Kompromisse wollte sich Breuer nicht einlassen. Also war auch die Verarbeitung entsprechend hochwertig. Die in der Weberei von Grete Reichert eigens hergestellten Eisengarngurte waren aus mehrfach gezwirnten Baumwollfäden, deren Halt und Schmutzresistenz durch Paraffin erhöht wurde. Noch heute sind die Sitz- und Rückengurte aus besonders strapazierfähigem Material. Hier erschließt sich körperlich, was ein „guter Stuhl“ leisten kann.

Produktinfo

Perfektion von Konstruktion und Detail. Natürlich verbinden wir den Bauhaus-Meister Marcel Breuer zuvorderst mit einem Werkstoff: Stahlrohr. Und einem Prinzip: dem Kragstuhl, der als Initialzündung modernen Möbelbaus diente. „Die Entfesselung des Menschen vom starren Sitz wich der Entfesselung auf den schwebenden Sitz. Der Kragstuhl wurde zum Zeitsymbol.“ Doch damit werden wir Marcel Lajos („Lajkó“) Breuer (1902-1981) nicht gerecht. Der Gestalter betrieb tatsächlich „Wesensforschung“: Was soll, was kann ein modernes Möbel heute leisten, war die Frage des Bauhauses. 1925 wurde Breuer als „Jungmeister“ Leiter der Möbelwerkstatt in Dessau. Schon im Jahr zuvor formulierte er, was er unter zeitgemäßer Einrichtung verstand.

Breuer ging es nicht ums Formale, auch wenn er höchsten Wert auf Details legte, ihm ging es um gedankliche Präzision. „Es gibt die Perfektion von Konstruktion und Detail, zusammen mit und im Gegensatz zur Einfachheit und Großzügigkeit in Form und Gebrauch“, schrieb er in einem Grundsatzessay.

Dass er dem Stahlrohr zum Durchbruch im Möbelbau verhalf, mag auch daran liegen, dass er als einer der ersten erkannte, dass unser Leben dynamischer geworden war und ebenso leichte wie bewegliche Lösungen verlangte. Der begeisterte Radsportfan nutzte zugleich das Modernste, was Architektur, Industrie und Gestaltung aufbringen konnten für einen neuen Zeitgeist. „Ich habe für diese Möbel Metall gewählt, um die Eigenschaften moderner Raumelemente zu erreichen“, erklärte Breuer. „Die schwere Polsterung eines bequemen Sessels ist durch die straff gespannte Stofffläche und einige leicht dimensionierte, federnde Rohrbügel ersetzt.“ Dazu gehörte auch, dass die Konstruktion nicht mehr versteckt wurde, sondern chromblitzender Teil der Erscheinung war.

Kragstühle wurden geschraubt, nicht geschweißt, Funktionen gestapelt und farblich gefasst. Das Ergebnis waren entmaterialisiertes Schweben und ein neuer Geist im Raum. Der Kragstuhl stellte eine Befreiung vom jahrtausendealten Thronmodell des steifen Sitzens dar. Er war das umgesetzte funktionelle, kinetische und konstruktive Gegenprinzip. Diese kinetische Linie, der Aufbruch der Moderne, ist heute bis zu den jungen Bauhaus-Gestaltern nachvollziehbar.