Poesie des
Konstruktiven

Der Split Chair

»Neue aktive Beziehungen durch den Entwurf von relevanten Objekttypen herzustellen, die auf den Wandel reagieren und unser Tätigkeitsvermögen beflügeln« – dieses Credo des Designtalents passt perfekt zu seinem ersten Produkt für Tecta, dem Split Chair.

Was steckt hinter dem Namen Ihres neuen Stuhls Split Chair für Tecta?
Der Split Chair ist ein Stahlrohrmöbel. To split heißt auf Deutsch »spalten«. Der Name weist auf die ungewöhnliche und innovative Herstellung und Optik hin: Denn hier wird das Stahlrohr in der Mitte erst gespalten, bevor es gebogen wird.

Wie ist Idee zum Split Chair entstanden?
Es war eine spontane Eingebung bei einer Art Anatomiestudie des Stahlrohrs. Am Anfang hatte ich gar keinen Stuhl im Sinn. Ich hatte schon einiges aus Stahlrohr gestaltet, etwa den Marshmallow Chair oder den Sinus Tischbock, da sich hiermit ohne größere Initialkosten kostengünstige Konstruktionen realisieren lassen.

Wahrscheinlich war es eine gewisse Langeweile nach diesen Entwürfen, die mich dazu bewegt hat, die gängigen Stahlrohrkonstruktionen zu hinterfragen. Ich habe experimentiert und einfach das Ende eines Stückes Kupferrohr aufgespalten. Das Ergebnis war interessant. Erst später kam ich auf die Idee, einen Stuhl auf diese Weise zu entwickeln.

Ein revolutionärer Gedanke, der sich nicht leicht umsetzen ließ.

Warum hat die Entwicklung gleich mehrere Jahre gedauert?
Um genau zu sein, waren es bis jetzt sieben Jahre. Normalerweise geht man von einem bestimmten Herstellungsprozess aus, auf dessen Basis ein neues Produkt entwickelt wird. Beim Split Chair war es genau umgekehrt. Es gab keinen passenden Herstellungsprozess für das Design. Der musste erst erfunden werden! 

Das sieht man dem Stuhl nicht unbedingt an …
Auch wenn der Stuhl klassisch anmutet, ist er bis auf das Schweißen ein High Tech Chair. Es sind lauter Technologien im Einsatz, die erst seit kurzem existieren. Das Freiformbiegen etwa, das sich vom traditionellen Dornbiegen darin unterscheidet, daß auch Ellipsen und verschiedene Radien in einem Biegeprozess gefertigt werden können. Oder das 3D-Laserschneiden entlang eines gekrümmten Objekts. Die Abstimmung in der Produktionskette mit den verschiedenen Spezialisten, also Zulieferern, war ebenfalls ein Prozess, der Zeit gebraucht hat. Während der sieben Jahre und auf der Suche nach dem richtigen Verfahren sind viele Entwürfe entstanden, von futuristisch bis klassisch. 2011 habe ich den ersten in Eigenregie konstruierten Prototypen auf der Möbelmesse in Mailand präsentiert. Es gab fantastisches Feedback, einige Firmen wollten den Stuhl direkt produzieren. Sie sind aber auf halbem Weg oder vorher schon gescheitert.

Warum gab es denn keine passende Lösung?
Der Split Chair ließ sich zwar produzieren, aber das Verhältnis Herstellungskosten/Verkaufspreis stimmte einfach nie. Erst Christian  Drescher von Tecta hat die nötige Geduld und Beharrlichkeit aufgebracht, das Produkt ans Ziel zu bringen.

Wie kam es dann zur Zusammenarbeit mit Tecta?
Christian Drescher und ich sind 2014 während der Internationalen Möbelmesse Köln ins Gespräch gekommen. Wir haben uns über Stahlrohrmöbel ausgetauscht, hauptsächlich über die Entwicklung der ersten Kragstühle von Stam, Breuer und Mies, die Frage nach dem deutschen Urheberrecht und über die damaligen technischen Möglichkeiten und Herausforderungen beim Rohrbiegen usw. So erzählte ich ihm irgendwann auch vom Split Chair, an dem ich ja schon länger arbeitete.

Inwiefern passen Ihre Produkte oder Ihre Philosophie zum Portfolio von Tecta?
Viele Produkte von Tecta – insbesondere die Stahlrohrmöbel – versuchen, produktionstechnische Grenzen auszuloten. Zum Beispiel ist Aplati eine Technik, die Tecta entwickelt hat: Ein Rohrbogen wird gequetscht, um so die statischen Eigenschaften eines Freischwingers zu verbessern. Oder auch die Oblique-Biegung, bei der ein Flachrohr schräg im 45°-Winkel – und nicht wie sonst üblich über die lange oder kurze Seite – gebogen wird. Eine Art Poesie des Konstruktiven zieht sich durch die Kollektionen von Tecta, die auch dem Split Chair zugrunde liegt – quasi Gestaltung von innen heraus, aus der puren Konstruktion. Ähnliche Ansätze finden sich auch bei Jean Prouvé, mit dem Tecta lange zusammen gearbeitet hat. Auch er hat die Konstruktion und Kräfte, die auf das Objekt wirken können, sichtbar gemacht. Gerade diese übersteigerte Rationalität gibt diesen Objekten am Ende ihre subjektive Note.

Sehen Sie den Split Chair eher im Büro- oder im Wohnumfeld?
Oder ist das nicht relevant?
Ich sehe den Stuhl eher im Bereich Living, wobei die Grenzen zwischen Wohnen und Arbeiten ja mehr und mehr schwinden. Die zunehmende Digitalisierung hat im Office dazu geführt, dass Leute ihrer Arbeit nun auch in informellen Umgebungen nachgehen können, etwa auf der Couch mit dem Notebook. Warum also nicht auch auf dem Split Chair? Ich denke, ähnlich wie der Barcelona Chair ist der Split Chair vor allem ein repräsentatives Objekt etwa fürs Foyer, das zugleich auch zweckdienlich ist.

Wird es den Split Chair in mehreren Farbvarianten geben?
Eine schwarze Version und eine verchromte Version sind geplant. Wir bewegen uns im hochpreisigen Segment, allein schon wegen der Produktionskosten. Daher sollte der Split Chair eine gewisse Wertigkeit suggerieren. Und diese zwei Versionen erfüllen dieses Ziel.

Tecta Split Chair Lorch 04
Tecta Split Chair Lorch 06
Tecta Split Chair Lorch 05
Tecta Split Chair Lorch 03
Split Chair render 01
Split Chair render 02

Daniel Lorch

(*1980 in Baden-Baden) ist eigentlich Kommunikationsdesigner. Im Jahr 2006 – noch während seines Studiums an der HTWG Konstanz – arbeitete er im renommierten Designbüro Integral Ruedi Baur et associés in Paris. In Berlin begann er, autodidaktisch erste Produkte zu realisieren. 2010 folgte die Gründung seines Büros Daniel Lorch Industrial Design, später kam auch die Produktmarke L&Z hinzu. Lorch gestaltet seither preisgekrönte Leuchten, Möbel, entwickelt Projekte im Bereich Industrie- und Ausstellungsdesign.