Das Möbel als Haus –
das Haus als Möbel

Die Wohnutopie Cella von Stefan Wewerka und Tecta im Kolumba, Museum Köln

Das Möbel gleicht einer Überraschungsschachtel: Eine weiche, gestreifte Bauhausdecke bedeckt das Sofa, das auch ein Klapp­bett ist, dazu gibt es ein Regal, einen Falttisch, der zum Essen herausgerollt und ausgeklappt werden kann, einen Hochsitz, eine Schlafgalerie, ein Stehpult, einen Bodencontainer, eine Besteckkommode, ein Fahrrad und einen Küchenbaum mit Spüle und Herd.

Kinder verstehen »Cella« ohne Worte: Es ist die real gewordene Funktion von Pop-up-Büchern, in denen geklappt, geschoben, gedreht werden kann. Erwachsene erkennen die Handschrift eines Vordenkers, Künstlers und Gestalters: Stefan Wewerka. Der 1928 geborene Architekt träumte den Traum vom anderen Wohnen, die Bedürfnisse von Essen, Schlafen, Arbeiten und Mobilität in einem Möbel zu kondensieren. Eine »Kleinstwohneinheit ohne Trennwände und Türen« zu schaffen. 1954 entwarf er die erste grobe Skizze von Cella. Sie wäre ein Möbel-­Utopia geblieben, wenn es nicht eine fruchtbare Allianz zwischen dem Künstler und einem Unternehmer gegeben hätte. Axel Bruchhäuser hatte mit seiner Firma Tecta nicht nur Bauhaus-Möbel originalgetreu und mit Zertifikat reeditiert, sondern immer wieder auch Funktion und Form erforscht, Materialien im Geist Jean Prouvés konstruktiv optimiert – er hatte in Möbelkonstruktionen gedacht. Ihn reizte die Vision des Wegbegleiters Wewerka. »Es ist langweilig im Wohnraum, wenn die Leute ringsum Möbel platzieren«, war der Künstler überzeugt. Cella, als Zellkern, wurde die Synopse für den Wohn- und Lebensstil des neuen Jahrtausends.

Nun ist Cella zu sehen in der neuen Jahresausstellung des Museums Kolumba in Köln mit dem Titel »Me in a no-time state« – Über das Individuum. Über das Indi­viduum. Die originalgetreue Reproduktion der Möbelskulptur pflegt nicht ihre sinnlichen Momente, die sich Wewerka mit Decke, Reisetasche, Alltags- und Mobilitätsgegenständen wie dem Fahrrad dachte. Die Kuratoren führen das Möbel vielmehr auf den Kern zurück. Die Cella darf sich als pures Kunstwerk präsentieren. Dennoch scheint auch hier Wewerkas Prinzip auf: die Einheit von freier und angewandter Kunst, der Wunsch, die alte, verkrustete Sicht der Wohnzelle aufzubrechen, sie neu zu denken und dann neuartig zusammenzufügen.

Während im Außenraum von Köln große Messen wie die Orgatec 2016 die Zukunft des Büros planen, die Internationale Möbelmesse im Januar eine Flut von Designprodukten beisteuert, scheint Wewerka aktueller denn je. Der Vordenker fand eine Antwort auf die ersehn­te Vereinbarkeit von Leben, Wohnen und Arbeiten ebenso wie für den Gedanken von Mobilität. Nicht auf eine Region, nicht auf eine Stadt, sondern auf den Menschen bezogen, der »Dinge braucht, die die Seele nicht verletzen«. Schöne, bescheidene Produkte, die vom Leben und von seinem Kern und Sinn erzählen. »Man kann nicht die Welt retten«, befand Wewerka, aber Dinge erfinden, »die die Seele schützen«. Cella erzählt die Geschichte vom Kleingehäuse im Großgehäuse, einer neuen Kultur der Bescheidenheit, und schafft dabei die Verknüpfung zu dem, was die Welt wirklich antreibt: der kleinsten, wirtschaftlichen Einheit, dem Menschen.

Ausstellung: Kolumba Mu­seum Köln. »Me in a notime state« – Über das Indi­viduum. Hier sind Stefan Wewerkas Grafikmappe »Der Mann ohne Eigenschaften« zu sehen und eine originalgetreue Reproduktion der Möbelskulptur Cella, die hier mit dem »Küchenbaum«, einer dazugehörigen, mobilen Kücheneinheit, und dem Einschwinger B5 vertreten ist. Alles ist von Tecta gebaut. 1984 wurde Cella zum ersten Mal auf der Möbelmesse in Mailand gezeigt, danach 1985 in einer Ausstellung im Kölnischen Kunstverein. Der Urprototyp steht im Tecta Kragstuhl­museum in Lauenförde.

Info: Ausstellung bis zum 14. August 2017 in Köln, Museum Kolumba.
www.kolumba.de

Die Cella können Sie auch in der permanenten Ausstellung im Kragstuhlmuseum sehen:

Tecta Kragstuhlmuseum
Sohnreystraße 8
37697 Lauenförde.

Tecta Wewerka Cella 02
Tecta Wewerka Cella 03
Tecta Wewerka Cella 01

© Kolumba, Cologne

Stefan Wewerka, Cella mit Küchenbaum und Einschwinger (1984), autori­sier­t­er Nachbau des Prototyps mit Originalmaterialien durch Tecta, Lauenförde, Küchenbaum als Teilrekonstruktion