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Axel Bruchhäuser

Funktion, Form, Fiktion

Bewahren und weiterentwickeln: Seit 50 Jahren arbeitet Tecta im Geist des Bauhaus und der Moderne. Axel Bruchhäuser, der letzte Zeitzeuge der Bauhaus-Gestalter, erinnert sich an Begegnungen, Entwicklungen, Urheberrechte.

Sie entwickelten mit Gestaltern wie Jean Prouvé oder Marcel Breuer ihre Entwürfe weiter. Waren die Gestalter eigen, was die Verbesserung oder Weiterentwicklung ihrer Ideen anging?
Sie waren stolz und begeistert, wenn ihre Ideen richtig geschätzt, benutzt und umgesetzt wurden. Wir haben zum Beispiel mit Marcel Breuer, Jean Prouvé, El Lissitzky und Sergius Ruegenberg zusammengearbeitet. Breuer schrieb: „Macht weiter in meinem Sinne.“ Das betrifft zum Beispiel den faltbaren Wassily-Sessel D4 oder seine Liege F41 auf Rädern. Die Zeichnung der Liege wurde erst nach seinem Tod, 1981, entdeckt. Seine Frau Constanze Breuer sah unsere Umsetzung bei einem Besuch in New York, war gerührt und sagte: „Wenn mein Mann das noch erlebt hätte.“

Wie gingen die anderen Nachfahren mit dem Thema der Weiterführung des kulturellen Erbes ihrer Angehörigen um?
Nicht nur Constanze Breuer war begeistert, sondern vor allem Ati und Ise Gropius. Über vier Jahrzehnte gab es einen engen Schriftwechsel mit Ati Gropius, die uns leidenschaftlich begleitet hat, weil wir behutsam die Dinge im Geiste der Bauhaus-Gestalter weiterentwickelt haben.

Oft vergingen Jahrzehnte vom Entwurf bis zur späteren Ausführung. Inzwischen gab es neue Materialien. Wie wichtig war es den Gestaltern, mit den damaligen Materialien und Methoden werkgetreu weiter zu arbeiten?
„Arbeite immer mit den neuesten Methoden und Materialien“, sagte Prouvé. Also immer aus der Zeit und ihren Möglichkeiten heraus – das war ihm wichtig. Jean Prouvé war begeistert von der deutschen Ingenieursarbeit, vom klaren, konstruktiven Denken. Ich hatte den Prouvé-Sessel nach der Skizze von 1930 realisiert und ihm vorgestellt. Er hatte keine Änderungswünsche und war froh, dass seine Idee zeitgemäß umgesetzt wurde. „Jedem Möbelstück muss eine konstruktive Idee innewohnen. Die Kernidee muss deutlich und stark sein“, sagte Prouvé. Es war eine gemeinsame Begeisterung, aus der dann auch 1987 das Tecta-Patent tube aplati nach der Idee von Prouvé entstanden ist. Egal, wer was macht, Hauptsache, das Endergebnis ist gut.

Wie haben Sie den gemeinsamen Austausch empfunden, was schätzen gelernt?
Am Beispiel von Jean Prouvé die konstruktive Denkweise. Von den Bauhaus-Gestaltern Gropius und Breuer die Denkschule, die Herangehensweise an das Material und seine Möglichkeiten.   

Wie war es damals um Urheberrechte bestellt? Nahm man einfach zu Breuer oder Prouvé Kontakt auf und sagte: Ich möchte den Wassily-Chair produzieren?
Man nimmt den Dialog auf, stellt seine Gedanken vor und hinterfragt die Entwürfe. Dann kommt es zur Zusammenarbeit und die Urheberrechte müssen geklärt werden. Es sind zum Beispiel Rechte des Bauhaus-Archiv Berlin oder der Kunstschutzgesellschaft in Frankreich zu beachten. Die Gestalter selbst waren deutlich unkomplizierter. Das Bauhaus Dessau hat im Buch „Ein Stuhl macht Geschichte“ geschrieben: „Der Stuhl hat Geschichte gemacht – Rechtsgeschichte.“

Was unterscheidet Tecta hinsichtlich der Patente oder Urheberrechte von anderen Unternehmen am Markt?
Etwa 30 unserer Möbel tragen das Bauhaus-Signet. Es wird von neutraler Stelle, dem Bauhaus-Archiv, vergeben. Für den Endverbraucher ist das Siegel eine gute Hilfestellung. Streng genommen muss das Signet vorliegen, damit es ein originales Bauhaus-Produkt ist und so seine Wertigkeit bestätigt wird. 

Das Wort Design ist für Sie eine leere Worthülse. Wie ging es den Bauhaus-Gestaltern damit?
Ein Zitat ist stellvertretend: „Man muss das Bauen vom ästhetischen Spekulantentum befreien und wieder zu dem machen, was es ist: nämlich Bauen“, sagte Mies van der Rohe schon in den 1920ern.

Was war Ihr eigenes Anliegen, um sich mit dem Thema der klassischen Bauhaus-Möbel zu beschäftigen?
Die eigene Affinität zur Werte erhaltenden Zeitlosigkeit. Das Gefühl, etwas über den Tag hinaus im ideellen und ästhetischen Sinn zu gestalten. Ich wollte Dinge machen, die mir gefielen – da kam ich automatisch zum Bauhaus. Und dazu sagt El Lissitzky: „Gegenstände wachsen wie lebendige Organismen, nach den Gesetzen und dem Filter der natürlichen Auslese.“  

Sie produzieren nach Kundenwunsch in eigenen Werkstätten. Ist diese Manufakturarbeit in Deutschland noch dauerhaft aufrechtzuerhalten?
Wenn die ästhetische Qualität, die Zeitlosigkeit stimmen, dann hat Manufakturarbeit in Deutschland immer eine Chance.


Was würden Sie anzetteln, wenn Sie ein Jahr im Unternehmen experimentieren dürften, ohne sich um die laufende Produktion kümmern zu müssen?

Um es mit dem Bauhaus-Maler Paul Klee zu halten: „Alles Werden ist eine Form der Bewegung.“ Konkret kommen wir dann zu den Ideen von Heinz Rasch. Er entwickelte schon 1926 seine kinetische Vision. Der Mensch muss sich bewegen, auch sitzend, sagte er. Das Ideal – der Stuhl müsste den Bewegungen folgen, den Änderungen der Haltung nachgeben. Das hat mich inspiriert, die kinetische Stuhlidee weiter auszubauen. Das Thema beschäftigt uns weiter und ist noch lange nicht zu Ende. Alles ist in Bewegung. Evolution ist endlos.

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Christian Drescher

Outsourcing kommt für uns nicht infrage

2019 ist das magische Jahr: hundert Jahre Bauhaus. Aber wie hält man die Denk- und Gestaltungsschule heute noch lebendig? Christian Drescher, Mitinhaber und Geschäftsführer des Unternehmens Tecta, ist sicher, dass die Klassiker unter drei Aspekten Zukunft besitzen: kontinuierliches Bewahren des Bauhaus-Erbes, manufakturelle Herstellung – und ständige Weiterentwicklung.

2019 ist ein besonderes Jahr – auch für Ihr Unternehmen. Wo liegen die Ziele und Chancen, wenn man sich aktuell mit einem fast hundert Jahre alten Thema befasst?
Christian Drescher: Wenn 100 Jahre alte Gestaltung, Stil und Form noch modern sind, dann handelt es sich um weltweite Klassiker. Unsere Produkte zählen nicht zum austauschbaren Möbeldesign, das Jahr für Jahr auf den Markt gespült wird. Mit unseren Bauhaus-Klassikern können wir der Produktflut bewusst etwas entgegensetzen und darin sehen wir unsere größte Chance. Deshalb ist eines der Hauptziele das kontinuierliche Bewahren des Bauhaus-Erbes – der einflussreichsten Schule im Bereich der Architektur, der Kunst und des Designs. Dazu gehört für uns neben der Herstellung der lizenzierten Reeditionen auch die Weiterführung der Idee, die Walter Gropius bei der Gründung des Bauhauses leitete: die Einheit von Handwerk, Industrie und Kunst.

Diese Einheit macht Tecta heute zu einem besonderen Unternehmen. Die Fertigung erfolgt komplett in Deutschland, in Ihren Lauenförder Werkstätten. Liegt hier die unternehmerische Zukunft?
Christian Drescher: Die handwerklich ehrliche Fertigung und die Individualisierbarkeit, die durch unsere manufakturelle Herstellung noch möglich ist, werden in Zukunft ein noch wichtigeres Merkmal unserer Produkte sein. Daher haben wir alle traditionellen Werkstätten im Haus. Ein Outsourcing kommt für uns nicht infrage. Das ist zwar ein erheblicher Aufwand in der heutigen Zeit, aber dafür sind wir in der Lage, die originalgetreuen Reeditionen sorgfältig anzufertigen und mit Blick auf Komfort und Funktion zeitgemäß anzupassen. Lebendig bleiben diese Ideen aber vor allem auch durch die Weiterentwicklungen der Ursprungsideen mit zeitgenössischen Künstlern und Architekten.

Wie sehen diese Weiterentwicklungen konkret aus?
Christian Drescher: Das Bauhaus ist keine Einbahnstraße. Für die Weiterführung steht bei Tecta insbesondere das Architektenpaar Alison & Peter Smithson, die von den „drei Generationen der Modernen Architektur“ sprachen und sich selbst zur dritten Generation – der Nachkriegsgeneration – zählten. Obwohl sie Le Corbusier verehrten, lehnten sie sein Konzept einer „Maschine zum Wohnen“ ab. Vielmehr verstanden sie die Wohnung oder das Haus als einen an seine Umgebung angepassten Ort, der die Fähigkeit besitzen sollte, die alltäglichen Anforderungen des Lebens zu erfüllen und den individuellen Nutzungsmustern der Bewohner Raum zu bieten. Insbesondere haben sie sich für das Poetische in den einfachen, normalen Alltagsgegenständen interessiert. In Zusammenarbeit mit Tecta entstanden ihre faszinierenden, poetischen Konstruktionen, wie der „Waterlily and Fish desk“, der „Collector’s table“ oder das „Tischlein deck Dich“. Konstruktion und Poesie – diese Kombination kann und sollte man bei unseren Modellen immer wieder finden.

Gibt es aktuelle Weiterentwicklungen im Unternehmen?
Christian Drescher: Wir haben in den letzten Jahren wieder verstärkt Kontakt zu jungen Gestaltern und Architekten gesucht, die sich ebenfalls aktiv in die Entwicklung unserer Modelle einbringen. Jüngst arbeiteten wir mit dem jungen niederländischen Designer Joop Couwenberg in Anlehnung an den Kragstuhl von Mart Stam den Kraghocker aus. Momentan beschäftigen wir uns zugleich mit der Sanierung unseres gesamten Firmenkomplexes, der in den 1960er Jahren vom Tecta-Gründer Hans Könecke geplant und gebaut wurde. Die Arbeiten daran sind im vollen Gange. Ziel ist es, die guten und gewohnten Eigenheiten der Könecke-Architektur zu erhalten. Die Neugestaltung unserer Büroräume und der Kantine plant übrigens Architekt Andree Weißert, dessen Tisch M36 wir 2014 auflegten.

Als Sie selbst 2001 bei Tecta starteten, schien das Unternehmen auf Werbung und Außenkommunikation grundsätzlich zu verzichten – wie ließ sich das erfolgreich durchhalten?

Da ich mich während des Studiums mit Unternehmenskommunikation beschäftigte, empfand ich es natürlich als äußerst spannend, dass man sich bei Tecta zum größten Teil gezielter Außenkommunikation verweigerte. Das schien der Firma nicht einmal zu schaden. Manchmal war sogar das Gegenteil der Fall. Während meiner Aufenthalte wurde Axel Bruchhäuser nicht müde, Mart Stam zu zitieren: „Eine gute Sache propagiert sich selbst.“ Der Erfolg schien ihm recht zu geben, zumindest was Tecta betrifft. Aber ein Zweifel blieb. Mit der Entstehung des World Wide Web und der explodierenden Bedeutung dieses Mediums wurde deutlich, dass die Zeit der Kommunikationsverweigerung zu Ende ging. Meine Abschlussarbeit thematisierte dann diesen Übergang: die Chancen und Risiken für ein kleines Unternehmen wie Tecta. Als Ergänzung entstand die erste Firmenwebsite.


Hat sich in dieser Zeit auch der Markt der Bauhaus-Möbel verändert?

Ja, leider wurde die Bezeichnung „Bauhaus“ in den letzten Jahren extrem inflationär und oberflächlich für eine Vielzahl von Produkten verwendet. Das Internet hat diese Entwicklung nochmals potenziert. Wenn man heute nach Bauhaus sucht, stößt man auf vieles, das mit Bauhaus nicht viel zu tun hat. Zu unserem Bedauern ist der Begriff stark verwässert worden. Hier müssen wir heute, sehr viel mehr als noch vor 15 Jahren, weiter aufklären und kommunizieren.