»Die Mies’sche Stadt ist in seinem Stuhl enthalten.«
Peter Smithson, 1959

Der Schattenmann:
Sergius Ruegenberg, die rechte Hand von Mies  


Zwei bahnbrechende Stuhl-Ikonen, aber nur ein Gestalter? Mies van der Rohe kennen die meisten, Sergius Ruegenberg wenige. Er war ein weitgehend unbekannter Gestalter der Bauhaus-Zeit. Dabei trieb der Architekt, der von 1925 bis 1934 bei Ludwig Mies van der Rohe arbeitete, zwei der legendärsten Mies-Modelle voran: Den Weißenhof-Stuhl und den Barcelona-Sessel. Muss die Designgeschichte jetzt umgeschrieben werden?

Der Mann, der den berühmten Barcelona-Pavillon oder die Villa Tugendhat in Brünn entwarf, erlaubte sich mittags gerne ein Nickerchen. Am liebsten schlief Ludwig Mies van der Rohe dabei in seinem Badezimmer. Das berichtete sein Zeitzeuge Sergius Ruegenberg, die rechte Hand von Mies van der Rohe – und zugleich sein Schattenmann. 

Der 1903 in Sankt Petersburg geborene Architekt Ruegenberg war einer der kreativen Köpfe in Mies Büro und prägte dort die Weiterentwicklung der wichtigsten Möbel der Moderne, zum Beispiel des Kragstuhls, den der Holländer Mart Stam entwickelt hatte. Ein Modell, das mit zwei statt vier Beinen auskommt und später unter dem Begriff »Freischwinger« in die Designgeschichte eingehen soll.

»Mies kam im November 1926 aus Stuttgart zurück und erzählte von Mart Stam und seiner Stuhlidee. Wir hatten ein Zeichenbrett an der Wand, darauf zeichnete Mies den Stam-Stuhl (...). Hässlich, so was Hässliches mit den Muffen. Wenn er wenigstens abgerundet hätte – so wäre es schöner – und er skizzierte einen Bogen. Nur ein Bogen aus seiner Hand an der Stam-Skizze machte den Stuhl aus.« Das erzählte Sergius Ruegenberg im Alter von 82 Jahren in einer unveröffentlichten Tonbandaufzeichnung aus dem Tecta-Archiv. Eine einzige Handbewegung hatte den schönsten Stuhl hervorgebracht. Ruegenberg selbst zeichnete Mies Idee zu Ende. Die schwingende Dynamik und der runde Bogen, ausgestellt in der Weißenhofsiedlung in Stuttgart, haben bis heute Geschichte geschrieben.

Doch wie funktionierte das so unterschiedliche Gestaltungsteam? „Mies war Architekt und Bürochef. Ruegenberg der liebenswerte, musisch begabte Partner. Er wollte einfach nur das machen, was er konnte“, erinnert sich Axel Bruchhäuser, Diplom-Ingenieur und Geschäftsführer des Lauenförder Unternehmens Tecta. Bruchhäuser besuchte 1985 Ruegenberg, um die Urheberschaft des Kragstuhls von Mart Stam aufzuklären. Aus dieser Begegnung erwuchsen weitere Recherchen, auch zum berühmten Barcelona-Sessel von Mies van der Rohe, der durch sein Kreuzgestell zur Ikone wurde.

„Drei Tage vor meiner Abreise als Bauführer nach Barcelona erhielt ich von Mies den Auftrag, einen Sessel zu entwerfen“, schrieb Ruegenberg an Tecta im Jahr 1988. „Der Stahlhocker war bereits verwirklicht. Einer meiner Entwürfe wurde von Kaiser (Anm. d. Redaktion: Angestellter im Büro Mies) zur Fertigung gebracht, während ich fort war.“

Ruegenberg war weder eitel noch um Vorteil bemüht – er wollte nur klarstellen, dass Ludwig Mies van der Rohe nicht alles allein gemacht hatte. Ruegenberg hatte zwar den Weißenhof-Stuhl nach einer Idee von Mies gezeichnet, aber den berühmten Barcelona-Sessel hatte er eindeutig federführend gestaltet.

TECTA Ruegenberg 01

Ruegenbergs Skizzen zum Barcelona Sessel

Er war für den Repräsentationspavillon des Deutschen Reiches auf der Weltausstellung in Barcelona gedacht, den sogenannten „Barcelona-Pavillon“. Am 20. April 1988 schrieb Ruegenberg an Axel Bruchhäuser: „In den Skizzen, die ich auf Grundlage des Hockers ausführte, ist auch die Idee für den Barcelona-Sessel enthalten. Aber da ich mehrere Zeichnungen hinterließ, ist es richtig, dass die Entscheidung bei Mies lag. Aus diesen Skizzen hat Mies ausgewählt, neu komponiert. Ich bitte Sie, Herr Bruchhäuser, dies nicht zu korrigieren, da es zu Irritationen in der Öffentlichkeit führen könnte.“

In der Zusammenarbeit mit Tecta zeichnete Ruegenberg Ende der 1980er Jahre weitere Entwürfe. Zum Beispiel Ruegenbergs Sessel, den er selbst auch den „Tugendhaften Sessel“ nannte und der die Studien aus Barcelona Chair und Weißenhof-Stuhl verschmelzen ließ, brachte Tecta schließlich 2007, neun Jahre nach dem Tod Ruegenbergs, unter der Modellbezeichnung D5 beziehungsweise als „Ruegenberg-Sessel“ auf den Markt. Gemeinsam betrachteten sie das Möbel als eine Weiterentwicklung des Weißenhof-Stuhls.

„Die Haupttugend ist das Geheimnis seiner Federung“, erklärt Axel Bruchhäuser. „Er schwingt durch seinen langen Federarm stärker als der Weißenhof-Stuhl.“ Hatte Ruegenberg darunter gelitten, zeitlebens hinter Mies van der Rohe zu stehen? „Nein, Ruegenberg hatte absolut kein Problem damit“, erzählt Axel Bruchhäuser. „Er war souverän und selbstsicher in seiner künstlerischen Leistung. Dazu begabter Karikaturist. Und Mies war stolz, dass er einen ausgezeichneten Mitarbeiter hatte.“

Axel Bruchhäuser besitzt heute noch unzählige Briefe und Karikaturen des „Schattenmanns“, der für ihn ein Gestalter aus der ersten Reihe wurde. „Keiner schafft etwas alleine“, zitiert Bruchhäuser den französischen Konstrukteur Jean Prouvé. „Das Produkt ist entscheidend, nicht der Schöpfer. Das scheint mir die organische Erkenntnis aus einem gestalterischen Leben – und diese verdanken wir Ruegenberg und Prouvé.“

Ruegenberg
TECTA Ruegenberg Zeichnung

Brief von Sergius Ruegenberg an Axel Bruchhäuser

Tecta Hamburg 04
Tecta Orte Luebeck 07
TECTA D5A Leder-schwarz Tecta-Geflecht Sergius-Ruegenberg der-Tugendhafte persp 1

Die Weiterentwicklung des Weißenhof-Stuhls: Der D5A, der Ruegenberg-Sessel

TECTA D42 Naturrohrgeflecht Weissenhof-Armlehnstuhl Bauhaus Ludwig-Mies-van-der-Rohe persp 1

Der Weißenhof-Stuhl D42 mit Naturrohrgeflecht von Lilly Reich